Zurück Home Nach oben Weiter

horizontal rule

Cote d'Azur bis Normandie
4.6.-7.7.2004 / 34 Tage / 2.599 km

Schon eine Häuserzeile hinter den Prachtboulevards am Strand zeigt auch Nizza das Gesicht einer ganz normalen französischen Großstadt mit kleinen und großen Geschäften, einfachen und gehobenen Hotels, ärmlichen Wohnblöcken und schicken Häusern und dem unvermeidlichen Verkehrschaos. Auf der Promenade des Anglais herrscht Müßiggang; eine Straße weiter verdienen die Leute ihren Lebensunterhalt im Schweiß ihres Angesichts.

Über Antibes, Cannes, Fréjus bummle ich der Cote d'Azur entlang. Abends nippe ich an einem Pastis und schaue den unermüdlichen Pétanque-Spielern zu. Am Nebentisch sitzen Oma, Tochter und etwa 12-jähriger Sohn. Mit viel Getue "isst er rückwärts". Als er damit nicht genügend beachtet wird, sucht er Insekten am Boden und legt sie den beiden Damen auf die Teller. Die beiden Frauen lassen sich nicht provozieren und sind wohl schon manches gewöhnt.

Um den Moloch Marseille zu umgehen, fahre ich landeinwärts durch die Provence und komme erst wieder in der Camargue ans Meer. Ein junger Deutscher hat wohl Hitze, Entfernung, Wegequalität und vor allem seine Kondition falsch eingeschätzt. Mit ein bisschen Obst und Getränk und viel gutem Zureden schleppt er sich weiter und nimmt die Salzsümpfe, die Flamingos, die wilden Stiere, die schönen Pferde nicht mehr wahr. In Saintes-Maries-de-la-Mer fällt er beinahe vom Rad.

Über Montpellier und Sète bin ich bald am Canal du Midi mit seinen herrlichen Uferalleen. Es gibt hier nur Freizeitboote und die Schleusen werden teilweise noch mit Handkurbeln bedient. Ich ernähre mich meist mit Baguette, Käse und Rotwein. Zum Nachtisch pflücke ich ein paar Maulbeeren vom nächsten Baum. Gelegentlich sieht man in der Ferne schneebedeckte Pyrenäengipfel. Carcassonne ist fest in der Hand japanischer Touristen und französischer Schul- und sogar Vorschulklassen. Die Stadt gehört zur französischen Grundbildung.

Über Toulouse und entlang der Garonne bis Bordeaux bin ich bald am Atlantik. Durch die herrliche Dünenlandschaft strample ich nach Norden. An einem belebten Badestrand wird gerade ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg in die Luft gesprengt. Eine Planierraupe ebnet den Krater ein und bald tummeln sich hier wieder die Touristen.

 

 

Von la Rochelle kämpfe ich mich gegen harten Weststurm auf die Ile de Ré. In jedem kleinsten Winkel blühen hier prächtige Malven. Im Westen der Insel wird ganz traditionell Meersalz gewonnen. Die Arbeit in den Salzfeldern ist schwer. Der Rückweg zum Festland ist genau so mühsam wie der Hinweg einige Tage zuvor. Auf der großen Brücke zum Festland habe ich wieder Gegenwind weil der Wind mittlerweile gedreht hat. Für Radler gilt: "Der Wind kommt immer von vorn".

Die Vendée hat für mich zwei Gesichter. Im Süden ist die flache, öde, langweilige Landwirtschaftswüste nur durchzogen von einigen schlammigen Kanälen und die wenigen Dörfer sind gesichts- und beinahe leblos. Im Norden ist die Landschaft hügelig und teils romantisch mit Wäldern, kleinen Bächen, Stauseen, hübschen Städtchen (z.B. Apremont) und Schlössern.

Mit den ersten Dolmen und Menhiren kündigt sich die Bretagne an. Die keltischen Überbleibsel sind bald Legion und werden kaum noch erwähnt. Die Steinreihen von Carnac sind nach wie vor ein Rätsel, werden aber im Allgemeinen den keltischen Druiden zugeordnet. Brest empfinde ich als etwas gesichtslos; die Stadt wurde vor 60 Jahren teilweise zerstört. In Landerneau gerate ich in ein kleines Volksfest mit traditioneller, keltischer Musik und Tänzen.

Es stürmt und schüttet wie aus Kübeln. Deshalb nehme ich von Dol de Bretagne einen Zug bis Cherbourg zur Fähre. Auf freier Strecke bleibt der Zug liegen und wir Passagiere müssen uns durch Gebüsch und über Stacheldrahtzäune zu den Ersatzbussen durchkämpfen. Am Check-In der Fähre ist meine Kabinenbuchung unbekannt. Der Informationsschalter im Schiff teilt mir dann vermeintlich problemlos eine Kabine zu. Nachdem ich mich mit meinem ganzen Gepäck zum richtigen Stockwerk durchgekämpft habe (an Lift ist in dem Gewühle nicht zu denken), stelle ich fest, dass die Kabinennummer nicht existiert. Erst nach einigen bösen Worten und wieder ein paar Stockwerken auf und ab bin ich am Ziel. Ich lasse das Gepäck fallen, schließe die Tür von innen (hier kriegt mich keiner mehr heraus), vergesse Hunger und Durst und schlafe bis zum nächsten Tag durch.

 

 

horizontal rule

Zurück Home Nach oben Weiter