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Irland - Westen und Norden
18.7.-4.8.2004 / 18 Tage / 1.398 km

Killarney liegt einzigartig in einer idyllischen Seenlandschaft und ist die Touristenhochburg Irlands. Muckross Abbey aus dem 5. Jh. ist nur noch eine Ruine mit altem Friedhof und sehenswerten Kreuzen. Muckross House ist ein georgianisches Herrenhaus (Queen Victoria war 1861 hier zu Besuch). Ross Castle wirkt vor düsteren Regenwolken ganz mystisch. Und abends klingt aus vielen Pubs irische Musik, meist allerdings lieblos herunter geleierter Kommerz. Für die vielen Deutschen, Italiener, Spanier, Russen usw. soll das gut genug sein. Ich habe Glück und erlebe im Grand Hotel zwei herrliche Musikabende. Aber weder hier noch sonst wo im Land höre ich Harfe, das irische Nationalinstrument.

Iren haben einen eigenen Maßstab für gutes Wetter. Wenn es nur ein bisschen nieselt heißt es: "The weather isn't too bad today." Und wenn seit 10 Minuten die Sonne scheint: "Nice weather today. Isn't it?" Später, irgendwo in Ulster, klagt eine Frau, sie sei bei der unerträglichen Hitze von 23° C völlig schlapp. Wie könne ich da überhaupt noch Rad fahren?

Gerechnet in BIP/Kopf hat Irland seit Jahren einen deutlich höheren Lebensstandard als Deutschland. Aber die Infrastruktur im Land ist oder sei teilweise mangelhaft. Straßenbau hinkt der Entwicklung nach, Bahnverkehr sei unzuverlässig, Telekommunikation ist rückständig (ich habe häufig keinen Handy-Empfang), Umweltstandards werden vom EuGH gerügt, Gesundheitswesen sei mangelhaft usw. Privater Wohlstand ist zumindest nicht sichtbar. Wie dem auch sei. Die Entwicklung wird von uns Deutschen kaum wahrgenommen. Symptomatisch ist meine Unterhaltung mit einem Unternehmer aus Hannover. Ich: "Irland hat seit Jahren einen erheblich höheren Lebensstandard als wir." "Das sind sicher nur hohe Steigerungsraten auf extrem niedrigem Niveau." "Nein, aktuell ist das irische Bruttoinlandsprodukt pro Kopf rund ein Drittel höher als das in Deutschland." "Mhm."

Bei Ballylongford überquere ich den Shannon. Hier liegen die Rest der Abbey Lislaughtin, dem Hauskloster der einst mächtigen O'Connor. Irische Geschichte ist teils grausam.

Scattery Island liegt strategisch günstig in der Shannon-Mündung. Der gut erhaltene Rundturm ist rätselhaft. Mit seinem ebenerdigem Zugang ist er nicht sinnvoll zu verteidigen. Vor einigen Jahren sind die letzten Bewohner der Insel nach Kilrush gezogen.

Kilfenora hat aus seiner Glanzzeit im hohen Mittelalter bemerkenswerte High Crosses und nennt sich Town of the Crosses. Die zwei wertvollsten sind inzwischen anderswo und die restlichen Kreuz in dürftigem Zustand. Nach der vollmundigen Ankündigung bin ich etwas enttäuscht.

Über den Burren, eine urtümliche Karstlandschaft, komme ich nach Doolin (irische "Musikhauptstadt"), besuche kurz die Cliffs of Moher und setze nach Inishmore über, der Hauptinsel der Arans. Die Landschaft ähnelt stark dem Burren. Ich kann aus nächster Nähe eine Robbenschar beobachten, allerdings nur so lang, bis ein italienischer Junge sein Naturerlebnis per Handy und laut schreiend seiner Mama in Palermo mitteilt. Die Insel ist übersäht mit Ruinen alter Klöster und Kirchen. Die beiden Festungen Dún Aonghasa und Dún Dúchathair hängen abenteuerlich am Rand der Klippen und man weiß wenig über sie.

 

Der Croagh Patrick, der heilige Berg der Iren, überragt majestätisch die Umgebung von Westport. Eine Woche zuvor waren bei der jährlichen Massenwallfahrt auf den Berg wieder Verletzte zu beklagen und wegen schlechten Wetters konnten keine Rettungshubschrauber eingesetzt werden.

Seit einigen Monaten herrscht in Irland absolutes Rauchverbot an allen Arbeitsplätzen. Als Arbeitsplätze gelten auch - wegen des Personals - Restaurants, Hotelzimmer, Läden usw. Vor jedem Laden, Pub usw. trifft man Leute, die gerade ihre kleine Suchtpause einlegen und in Restaurants herrscht ein ständiges Kommen und Gehen vom Tisch zur Tür und wieder zurück. Es ist erstaunlich, wie penibel das Rauchverbot eingehalten wird.

Die nördlichen Grafschaften Mayo, Sligo und Donegal sind nur dünn besiedelt und ich treffe kaum noch auf Touristen, schon gar nicht auf Reiseradler. Nur in einigen Seebädern geht es etwas lebhafter zu. Ich halte mich aber meist etwas landeinwärts und komme bald über die Grenze nach Ulster. Gedenktafeln für IRA-Kämpfer, die "on duty" gestorben sind, erinnern an die harten Auseinandersetzungen bis in die jüngere Vergangenheit. Vor einigen Wochen gab es in Londonderry wieder "troubles". Die Polizeistationen in Ulster sind als Festungen gebaut mit hohen Mauern, Stacheldraht, Wachturm, Scheinwerferanlagen, Einfahrtschleusen usw.

Der katholische und der protestantische Erzbischof haben in Armagh ihren Sitz. Ihre beiden Kathedralen liegen sich auf zwei Hügeln bewusst gegenüber und beide sind St. Patrick geweiht. In der Tradition dieses Nationalheiligen ist Armagh das geistliche Zentrum der ganzen Insel mit dem entsprechenden Umfeld an Kirchen, Universität, Schulen, Instituten, Klöstern usw. Vor allem gibt es auch unzählige Kirchen kleinerer und teils offensichtlich obskurer Gemeinschaften.

Ich will lästigen Großstadtverkehr vermeiden und fahre mit dem Zug die letzten paar Kilometer von Drogheda nach Dublin und bin wieder in der Republik Irland. Ich wohne mitten im Altstadtviertel Temple Bar in einem Traditionshotel. Schon die Bar mit ihrem dunklen Holz, ihren kitschigen Bildern, ihren alten Möbeln und Polstern, ihren Flaschenbatterien ist ein Erlebnis. Dublin ist eine sehr lebhafte Stadt und hier in der Fleet Street ist noch nach Mitternacht mehr Leben als zur Mittagszeit auf dem Münchner Marienplatz. Große Sehenswürdigkeiten bietet die Stadt nicht.

 

 

 

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