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Spreewald
11. - 20.5.2005 / 10 Tage / 598 km

In diesem Sommer kann ich kaum verreisen, jedenfalls nur kurz. Der Spreewald lockt mich schon lang, aber ich muss erst in der Karte schauen, wo genau er liegt.

Dank netter Reisegesellschaft ist die lange Bahnfahrt recht kurzweilig. Selbst beim Blick aus dem Zugfenster ist der Übergang in die neuen Bundesländer unmittelbar zu spüren (Menschen, Technik, Stadtbilder usw.); dabei bleiben die meisten Unterschiede für den vorbei Fahrenden unsichtbar. Bis zur Angleichung der Lebensverhältnisse und Entwicklung einer gemeinsamen Identität wird noch sehr viel Zeit vergehen.

In Lübbenau, dem Zentrum des Spreewalds, genieße ich als Erstes eine Spreewälder Fischplatte und dazu ein Köstritzer Schwarzbier (schon Goethe soll es geschätzt haben). In beiden Museen erfahre ich viel über Geschichte, Wirtschaft und Lebensverhältnisse der Gegend und wenig über das Minderheiten-/Sprachproblem der Sorben. Ich lasse mir erklären: Früher ein problemloses Miteinander, später dann Spannungen bis hin zur Unterdrückung (3. Reich), Förderung in der DDR. Heute gibt es noch ca. 60.000 wendisch/sorbische Muttersprachler und die Zahl sinkt dramatisch, u. a. weil in der BRD alles auf höchst unverbindlicher Freiwilligkeit basiert.

Der Braunkohletagebau hat zwei Gesichter. Einerseits hat er der Gegend wirtschaftlichen Wohlstand gebracht und andererseits auch viel Leid. Bei Peitz erschüttert mich eine kleine unscheinbare Gedenkstätte: 78 Kreuze für 78 "überbaggerte" Dörfer. Zumindest in neuerer Zeit wird erbittert um jedes einzelne Dorf gekämpft.

Von Lübbenau gehen die meisten der Kahnfahrten in das Wasserlabyrinth der unzähligen Fließe des Spreewalds und heute am Sonntag zieht ein ununterbrochener Menschenstrom von den großen Busparkplätzen zu den Kahnhäfen. Ich erkunde die Gegend lieber per Rad, beobachte Störche, Reiher, Schwäne, Libellen, Schmetterlinge ... Einen Schwarzstorch kann ich auf der ganzen Reise nie entdecken, obwohl allenthalben auf ihn hingewiesen wird. Einige Tage später lasse auch ich mich mit einem Kahn über die Spree stochern und hinein in verschwiegene Ecken des Spreewalds. Obwohl sich beinahe Kahn an Kahn reiht (es ist zwar unter der Woche aber doch Hochsaison), bleibt alles so angenehm ruhig; Bootsmotoren sind hier verboten.

 

 

Cottbus ist eine hübsche Stadt. Nachdem der bekannte Fürst Pückler wegen seines exzessiven Lebensstils sein Stammschloss Muskau nicht mehr halten konnte, fand er hier im Schloss Branitz ein etwas bescheideneres Unterkommen. Als außerordentlich begabter Landschaftsarchitekt hinterließ der Fürst Park Branitz als herrlichen Park im englischen Stil. Der Fürst muss auch ein Gourmet gewesen sein. Im ehemaligen Cavalierhaus des Schlosses genieße ich das berühmte Fürst-Pückler-Eis.

Die Dubkower Mühle liegt einsam mitten im Wald. Als Wassermüller an einem kaum fließenden Spreearm und weitab von Siedlungen war das Leben früher sicher nicht leicht. Mit Touristen kann heutzutage leichter Geld verdient werden (zumindest für einige Wochen im Sommer). Hier in dieser herrlich romantischen Umgebung bleibe ich sogar zwei Tage.

Nordöstlich Schlepzig ändert sich die Landschaft beinahe abrupt. Ich verlasse den Spreewald und bin jetzt in der Streusanddose der Mark Brandenburg (lichte Kiefernwälder, große Getreidefelder, leicht hügelig und Sand, Sand, Sand); Fontane kommt mir in den Sinn. Dem Springsee entlang (herrlicher Natur-Campingplatz), über Alt Schadow am Neuendorfer See und Bad Saarow am Scharmützelsee (Nahziel vieler Berliner) strample ich nach Fürstenwalde. Am Samstagabend wirkt die Stadt wie ausgestorben (die Einwohner verdienen ihr Geld im Westen), der Dom ist geschlossen usw. Bei solchen Gelegenheiten erinnere ich mich immer wieder an eine Unterhaltung, die ich wenige Tage nach der Maueröffnung mit meinem damaligen Chef hatte: "Die Leute sind doch jetzt frei. Warum ziehen sie immer noch nach dem Westen?"

Über Beeskow (auch hier wirkt die Stadt leblos und der Dom ist Sonntagmittag geschlossen), Trebatsch, Schlepzig radle ich wieder südwärts. Bis Trebatsch hält der Spree-Radweg leider konsequent Abstand vom Fluss. Abgesehen davon ist das Radeln im Spreewald ein Genuss. Steigungen gibt es nicht; die Wege sind gut ausgebaut, oft als sog. Fahrradstraßen, und bestens beschildert. Mühsam wird es nur, wenn man das Fahrrad über eine der hohen und steilen Holzbrücken schleppen muss.

Nach einem letzten Köstritzer Schwarzbier im einzigen Hotel am Platz besteige ich am nächsten Morgen in Calau den Zug nach Hause.

 

 

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